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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Woran die Grundeinkommensbewegung krankt (Leseprobe)

Johannes Mosmanns Buch „Das bedingungslose Grundeinkommen: Pathologie und Wirkung einer sozialen Bewegung“ liest sich gut und bietet viele Aha-Effekte. Denn Mosmann schreibt und analysiert extrem klar und geht in die Tiefe. Er ist ein unabhängiger Geist, ein Anthroposoph, der sich gegen ein Lieblingsprojekt vieler Steiner-Jünger positioniert. Man kann sich mit diesem Buch jede Menge Denkanstöße abholen – auch unabhängig von der Grundeinkommensdebatte. Eine Leseprobe.

Johannes Mosmann.* Die Grundeinkommensbewegung dehnt das Ideal der Freiheit auf die Wirtschaft als solche aus und spielt damit jenen Kräften in die Hände, die schon immer die Freiheit in der Wirtschaft gesucht haben. Dass sie den zu Grunde liegenden Irrtum nicht bemerkt, liegt an der Suggestivkraft der gegenwärtigen Verhältnisse: Im System der Erwerbsarbeit, durch das auch die Grundeinkommensbefürworter sozialisiert wurden, bekommt man (scheinbar) Geld für seine Arbeit, lebt also vom »Lohn«. Da man somit in Lohnbegriffen zu denken gewohnt ist, übersieht man leicht, dass Einkommen real niemals aus Geld besteht, sondern immer aus dem, was man für dieses Geld kaufen kann: aus den Waren. Dieses reale Einkommen wäre aber nicht vorhanden, wenn auf wirtschaftlichem Gebiet tatsächlich Freiheit herrschte. Sofern ich ein Einkommen habe, lebe ich davon, dass andere Menschen ihre Bewegungen, Gedanken usw. für einen gewissen Zeitraum am Tag nicht selbst bestimmen, sondern bestimmt sein lassen von meinem Bedürfnissen und den damit zusammenhängenden Notwendigkeiten des materiellen Lebens. Soll z.B. mein Bedürfnis nach Kleidung befriedigt werden, so zwingt dies andere Menschen konkret dazu, den Arm auszustrecken, eine ganz bestimmte Handbewegung auszuführen, Körperhaltung einzunehmen, usw. – kurz zu all den Bewegungen, die durch den Herstellungsprozess des entsprechenden Produkts vorgegeben sind.

Entscheidend für die Verfügbarkeit der Ware ist aber nicht nur die Arbeit als solche, sondern auch ihre Verteilung, wie viele Menschen also in der einen, und wie viele demgegenüber in der anderen Branche arbeiten. Auch die Frage der Berufswahl ist somit faktisch – und nicht etwa aus der Laune irgendwelcher Spitzbuben heraus – keine freie. Das Vorhandensein jedes Produktes, das ich konsumiere, beruht auf genau definierten Arbeitsschritten einer exakt zu bestimmenden Anzahl von Menschen in einem bestimmten Zweig des Wirtschaftslebens.

Sozial wäre es, den Zwang der Arbeit solidarisch zu tragen, damit für alle Menschen neben der Arbeit genügend Zeit bliebe, um rein menschlichen Impulsen zu folgen.

In diesem Sinn beruht alles Einkommen auf Zwang, nur eben auf einem Zwang, dem sich andere Menschen unterwerfen müssen. Sozial wäre es, den Zwang der Arbeit solidarisch zu tragen, damit für alle Menschen neben der Arbeit genügend Zeit bliebe, um rein menschlichen Impulsen zu folgen. Dass sie dagegen das Ideal der Freiheit auf dem Gebiet des Wirtschaftslebens zu verwirklichen suchen, ist das Kennzeichen der anti-sozialen Kräfte.

Soweit sie das zugibt, argumentiert die Bewegung für ein bedingungsloses Grundeinkommen, der Mensch wolle sich freiwillig jenem Zwang unterwerfen und müsse dazu nicht durch einen Lohn motiviert werden. Kurioserweise beweist sie selbst das Gegenteil, indem sie sich nämlich auf die Arbeit erst gar nicht einlässt, sondern diese stattdessen neu definiert als »Tätigkeit, die einem selbst sinnvoll erscheint«.3 Arbeit ist jedoch umgekehrt eine Tätigkeit, deren Art, Ziel und Umfang nicht durch mich, sondern durch die Bedürfnisse anderer Menschen bestimmt ist.

Wenn die Mitglieder der Bewegung darüber sprechen würden, wie sie auf Grundlage eines Grundeinkommens z.B. in der Aluminiumgießerei ein Gasgemisch in die »Kerne« für Getriebe von Audi, Porsche usw. schießen, zur Herstellung pharmazeutischer Gelatine Schweineschwarten in riesigen Stahlkesseln kochen, oder sich im Straßenbau den Rücken ruinieren möchten, könnte man sie eine »soziale« Bewegung nennen. Tatsächlich aber erklärt diese Bewegung mit jedem Wort, dass sie keine Ahnung davon hat, woher die Güter stammen, die sie gerne »bedingungslos« konsumieren möchte, und zudem nicht im Entferntesten daran denkt, sich an der dazu nötigen Arbeit zu beteiligen.

Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an die denkwürdigen Auftritte von Ralph Boes 2012 in der ARD-Sendung Maischberger und bei anderen Gelegenheiten. Boes bezieht Hartz IV und glaubt, dass er ein Recht auf die freie Ausübung seiner Tätigkeit als »Geistesarbeiter« habe. Da er für diese Tätigkeit jedoch nicht die Anerkennung findet, die ihm ein Einkommen ermöglichen könnte, fordert er, der Staat solle ihm ein Grundeinkommen ausbezahlen. Boes übersieht dabei die sozialen Empfindungen der arbeitenden Menschen, wie sie ihm u.a. nach jenen Auftritten auch entgegengebracht wurden:

»Ich mache jeden Tag den Buckel krumm, um die Dinge hervorzubringen, die Du nachher konsumierst, und Du willst im Gegenzug selbst definieren, was Du tust, in derselben Zeit, in der ich für Dich schufte? Du hast doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!«

Gerade den »einfachen«, mit den Händen arbeitenden Menschen ist eben sofort klar, wo der Unterschied zwischen der eigenen Arbeit und dem liegt, was Ralph Boes als »Arbeit« neu definieren will: Was diese Menschen hervorbringen, wird von Herrn Boes konsumiert. Was er umgekehrt hervorbringt, daran haben sie kein Interesse. Es kommt also gar nicht darauf an, was Boes zu sagen glaubt, sondern darauf, was er tatsächlich sagt – und tut. Und tatsächlich lässt er andere Menschen für sich arbeiten, während er seinerseits nichts für diese Menschen tut und tun will.

Was Herr Boes von seiner Geistesarbeit selber hält, ist seine Privatsache. Die ganze Angelegenheit würde erst dann eine soziale Note bekommen, wenn er nicht den Staat um Anerkennung bitten würde, sondern die Menschen, denen er seine geistige Arbeit angedeihen lassen möchte. Dann bestünde aber eben auch die Möglichkeit, dass diese Ralph Boes dafür, dass er geistig arbeitet, nichts geben wollen. Boes wäre also unter Umständen genötigt, etwas zu tun, das seine Mitmenschen eher brauchen als seine geistige Arbeit. Das heißt aber: Er würde damit beginnen müssen, sozial zu denken.

Das soziale Leben ist wesentlich komplizierter, als es die Grundeinkommensbewegung glauben machen will. Dass Menschen Hartz IV dazu nutzen, sich geistigen Tätigkeiten zuzuwenden, mag in den gegebenen Verhältnissen richtig erscheinen. Zudem kann insbesondere die geistige Arbeit von Ralph Boes kaum hoch genug geschätzt werden.6 Dennoch lassen sich die Verhältnisse nicht dadurch ändern, dass man dasjenige, was bezogen auf die eigene, situationsbedingte Handlungsweise als moralisch richtig erscheint, zum gesellschaftlichen Prinzip erhebt. Zwischen dem individuellen Reagieren auf die Verhältnisse und einer Änderung derselben liegen einige Schritte, die nicht übersprungen werden können.

Eine soziale Bewegung müsste danach trachten, die Arbeit wieder am realen Bedarf zu orientieren und dafür die gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse in Frage stellen.

Die Tragik der Grundeinkommensbewegung ist, dass ihren Anhängern eigentlich die Abhängigkeit von den Arbeitsplatzbesitzern (Arbeitgebern N.H.) auf der Seele lastet, sie jedoch – indem sich ihr Freiheitsimpuls unreflektiert Bahn bricht – das einzige Mittel abschaffen, durch das sie sich daraus befreien könnten. Denn die rechtliche Abhängigkeit von den Arbeitsplatzbesitzern kann nur dadurch überwunden werden, dass die ökonomische Abhängigkeit bejaht und ergriffen wird. Damit ist die Blickrichtung einer sozialen Bewegung im eigentlichen Sinn des Wortes gekennzeichnet. Diese Bewegung müsste danach trachten, die Arbeit wieder am realen Bedarf zu orientieren. Und zum Zweck dieser Orientierung der Arbeit am Bedarf müsste sie die gegenwärtigen Eigentumsverhältnisse in Frage stellen. Statt von einem Recht auf Konsum müsste sie von einem Recht auf Mitarbeit sprechen und sich mit den arbeitenden Menschen solidarisieren, indem sie ihnen zur Hand geht.

(…)

Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens wäre ein genialer Coup für die Tec-Investoren: Nicht die Kapitalbesitzer, sondern das Volk besiegelte damit die privatrechtliche Verwertung des technischen Fortschritts. Die breite Masse würde dauerhaft vom Zugang zu Kapital und Produktionsmitteln ausgeschlossen, bejubelte diesen Vorgang aber als »Freiheit statt Vollbeschäftigung«. Für die Abhängigen eines bedingungslosen Grundeinkommens käme allerdings schnell die Ernüchterung: Die Möglichkeit, der eigenen Arbeit einen Sinn zu geben, wäre gänzlich verloren. Denn von jenem Zugang zu Kapital und Produktionsmitteln (und nicht etwa davon, was man »tun würde, wenn für das Einkommen gesorgt wäre«) hängt die Möglichkeit ab, Arbeit mit sozialer Relevanz zu verrichten und die gesellschaftlichen Verhältnisse mitzubestimmen.

Erwiderung: Vom in diesem Text kritisierten Ralph Boes gibt es eine Erwiderung auf einen sehr ähnlichen Text aus dem Jahr 2018. "Die Freiheit, die ich meine ...."

Disclaimer: Ich habe keine Beziehung und keine feste Meinung zur anthroposophischen Bewegung. Meine Empfehlung bezieht sich nur auf dieses Buch. Das darin zugrunde gelegte Prinzip der „sozialen Dreigliederung“ finde ich interessant, kann aber nicht behaupten, dass ich es bereits hinreichend durchdrungen hätte. Was ich in diesem Beitrag dazu gelesen habe, finde ich ziemlich vage. 

*Johannes Mosmann ist Geschäftsführer der Freien Interkulturellen Waldorfschule Berlin. Er betreibt mit anderen das gemeinnützige Institut für soziale Dreigliederung. Das Taschenbuch kann man für 12 Euro dort oder im Buchhandel bestellen. Eine E-BookVersion für 9 Euro erscheint demnächst.

[2.3.2019]