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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Bertelsmann Stiftung trommelt mit manipulierter Umfrage für Schulzens EU

Sicher nicht ganz von ungefähr gab es am Donnerstagvormittag zwei zusammenpassende Meldungen von der Nachrichtenagentur Reuters: „Top Thema - Schulz macht Stärkung der EU zu Bedingung für Bündnis mit Union“ und kurz vorher: „Studie - EU gilt vielen Bürgern als Schutz gegen Globalisierung“. Die Studie stammt von der Bertelsmann Stiftung und ist vor allem dadurch interessant, wie die Umfrageergebnisse zurechtmanipuliert wurden.

Reuters berichtete:

Zu Beginn der entscheidenden Runde der Sondierungen über eine Neuauflage der großen Koalition hat SPD-Chef Martin Schulz die Stärkung Europas zur Bedingung für ein Bündnis gemacht. Man sei sich mit der Union aber im Grundsatz über die Stärkung der EU einig.

Über die Bertelsmann-Studie  erfährt man von Reuters:

Die Europäer betrachten die Europäische Union (EU) nach einer Studie mehrheitlich als einen Schutzschirm gegen negative Globalisierungsfolgen und lehnen Abschottung und Nationalismus ab. Das ist das Ergebnis einer am Donnerstag veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung, die sich auf eine repräsentative Umfrage in der gesamten EU unter mehr als 10.000 Bürgern stützt. "Europa im Jahr 2017 ist parteiübergreifend als Quelle von Stabilität, Wohlstand und Frieden akzeptiert. Das ist ein Erfolg Europas", sagte Aart De Geus, der Chef der Stiftung.

Mit Schulzens europäischem Horrorkabinett für die Arbeitnehmer hatte ich mich gestern beschäftigt. Nun als zur Hintergrundmusik von Bertelsmann.

56 Prozent der Europäer sehen in der Globalisierung vor allem eine Chance, lautet eine gute Botschaft. In Deutschland sind der Studie zufolge die EU-Unterstützer über die meisten Parteigrenzen hinweg fast überall  in der Mehrheit. Die meisten Befürworter einer stärkeren EU-Integration finden sich unter den SPD-Anhängern mit 66 Prozent, gefolgt von den Grünen mit 65 Prozent, der CDU/CSU mit 63 Prozent und der Linken mit 62 Prozent. Bei der FDP sind es etwas weniger als die Hälfte, bei der AfD nur eine Minderheit.

Selbst bei denen, die Globalisierung als Bedrohung sehen, sei die Gruppe der EU-Unterstützer noch in der Mehrheit, findet die Studie und schließt daraus. "Wenn es um Gestaltung globaler politischer Herausforderungen und Steuerung internationaler Prozesse wie der Globalisierung geht, sieht eine deutliche Mehrheit der Bürger die Europäische Integration als Teil der Lösung". Nur die Wähler rechter und rechtspopulistischer Parteien scheren mal wieder aus.

Der Ton macht die Musik

Wie immer bei solchen Umfragen, sollte man genau auf die Fragen schauen, und darauf, was mit diesen suggeriert wird. Tut man es, stellt man fest, dass die Fragen durchgängig eine Antwort in der offenkundig gewünschten Richtung suggerieren, am deutlichsten bei der Frage danach, ob man persönlich eher gute oder schlechte Erfahrungen mit der Globalisierung gemacht hat. Diese wird nämlich eingeleitet mit:

Globalisierung wird oft gleichgesetzt mit einer Wirtschaft, die weltweit günstige Konsumgüter (Mode, Elektronik etc.), günstige Dienstleistungen (mobile Kommunikation, Flüge etc.) produziert und günstige Arbeitskraft nutzt. Für Sie persönlich war die Globalisierung bisher:…

Wie wäre die Umfrage wohl ausgegangen, wenn man stattdessen in umgekehrter Einseitigkeit geschrieben hätte:

Globalisierung wird oft mit Abbau von demokratischen Mitbestimmungsrechten, steigender Macht und steigenden Gewinnen transnationaler Konzerne, Lohn- und Sozialdumping und Umweltgefährdung in Verbindung gebracht. Für Sie persönlich war die Globalisierung bisher: ..

Zuvor war abgefragt worden, ob man Globalisierung eher als Chance oder als Risiko empfindet. Dort war die Einkleidung weniger suggestiv gewesen. Entsprechend fielen die Antworten auch deutlich schlechter für die Globalisierung aus, was aber für die Botschaft ganz praktisch war. Die vorangegangene Definitionsfrage lautete:

Das Wort “Globalisierung” wird heutzutage häufig benutzt, um eine Welt zu beschreiben, die immer stärker vernetzt ist. Bitte wählen Sie von der folgenden Liste, was für sie am besten das Wort beschreibt. — Die steigende Beweglichkeit von Produkten — Die steigende Beweglichkeit von Ideen — Die steigende Beweglichkeit des Geldes — Die steigende Beweglichkeit von Arbeitsplätzen — Die steigende Beweglichkeit von Menschen — Die steigende Vernetzung von Kulturen — Die steigende Vernetzung von Technologie

Das sind alles für sich genommen bei den meisten positiv besetzte Aspekte der Globalisierung. Probleme ergeben sich je nach Sichtweise erst bei den nicht angesprochenen Konsequenzen, z.B. von Arbeitskräftemobilität. Unterschlagen wird in der Liste der problematische Aspekt der Globalisierung politischen Entscheidungsfindung, also der steigenden Verlagerung der Entscheidungen auf transnationale, ungewählte Expertengremien. Das würde weniger positive Assoziationen hervorrufen.

Zwischen dieser ersten Frage und den Fragen zur europäischen Integration werden die Befragungsteilnehmer über die suggestive zweite Frage mit Macht auf die für sie persönlich positiven Aspekte der Globalisierung hingewiesen. Kein Wunder, dass die erst danach kommende Frage über die Wünschbarkeit von weiterer europäischer Integration positiver ausfällt als vorher die zur Wünschbarkeit weiterer Globalisierung. Allein auf dieser Diskrepanz beruht die gewagten Schlussfolgerung, wonach angeblich die europäische Einigung als Bollwerk gegen problematische Aspekte der Globalisierung angesehen wird. Direkte Fragen dazu gab es nicht. Nur die Anhänger der AfD sind offenbar so festgefügt in ihrer negativen Meinung, dass sie sich von der manipulativen Fragestellung nicht ins Bockshorn jagen ließen. Aber auch das ist schon wieder praktisch, bedeutet es doch: wer Europa anders sieht, ist AfD und damit igitt, oder wie es die Bertelsmann-Stiftung etwas freundlicher ausdrückt: "europaängstlich".

[11.1.2018]