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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Desinformation als Kriegswaffe: SPON, Russland und ihre perfiden Feldzüge gegen die Wahrheit

Unter Missachtung elementarer Grundsätze des Journalismus bringt Spiegel Online (SPON) prominent ein Propagandastück des Spiegel-Auslandsreporters und Syrien-Spezialisten unter dem Titel „Desinformation als Kriegswaffe: Russlands perfider Feldzug gegen die Wahrheit“. Darin werden die Vorwürfe einer Partei im Progpagandakrieg um Syrien gegen die andere Partei distanzlos als Fakten berichtet und dabei noch die Herkunft der Thesen verschleiert.

Das SPON-Stück stammt von Donnerstagabend (21.12) und war noch am Freitagvormittag prominent auf der Online-Titelseite des Nachrichtenmagazins zu finden. Nicht nur der Titel, auch die Unterzeile ergreift massiv Partei: „Russland diffamiert zivile Helfer in Syrien und sät Zweifel an Assads Giftgasangriffen. Eine Studie zeigt nun, wie systematisch der Kreml in seiner Desinformationskampagne vorgeht.“ In dem Artikel geht es vor allem darum, wie die private „Zivilschutzorganisation“ die „Weißhelme“ von Russland über die sozialen Medien diffamiert werde.

Wenn man das schon so übernimmt und als Fakten verkündet, sollte es wenigstens eine „Studie“ von einem halbwegs objektiven Dritten sein. Von wem ist sie also? Der Autor beschreibt das so: „... eine Studie der Internet-Analyseagentur Graphica in Zusammenarbeit mit Google und der britischen NGO Syria Campaign.“

Das deckt sich nicht ganz mit dem was in der Studie selbst steht, nämlich (meine Übersetzung):

Dieser Bericht wurde geschrieben von The Syria Campaign, mit Research und Analyse von der Medienforschungsfirma Graphika und Research der freien Journalistin und Researcherin Shilpa Jindia.

Anders als SPON es darstellt, ist also verantwortlicher Urheber nicht Graphika sondern The Syria Campaign. (Von einer Zusammenarbeit mit Google konnte ich in den Bericht nichts finden.) Eine Medienforschungsfirma wirkt wohl seriöser als Quelle für ein Nachrichtenstück als eine Gruppe mit "Kampagne" im Namen.

Wer ist The Syria Campaign, deren Federführung hier verschleiert wird. Aus ihrer Selbstdarstellung im Internet wird deutlich, dass sie von Großbritannien aus PR-Arbeit gegen die Assad-Regierung in Syrien machen und sich mit Spenden finanzieren. Eine Asfari-Stiftung und die Rockefeller-Stiftung werden namentlich als Großspender genannt. Ihre Position zum syrischen Bürgerkrieg ist diese: "Das Regime von Bashar al-Assad ist verantwortlich für die Niederschlagung eines friedlichen Aufstands, die zu dem Tod von über 450.000 Menschen, der Flucht von über zwölf Millionen und dem Entstehen von gewaltätigen extremistischen Gruppen wie Isis geführt hat." Und Syria Campaign ist nach dem, was sie vorne in dem Bericht schreibt, eine Spendensammelstelle für die Weißhelme (meine Übersetzung):

The Syria Campaign baut globale Unterstützung für die Helden Syriens in ihrem Kampf für eine freies und friedliches Syrien auf. Mehr als 700.000 Mitglieder von The Syria Campaign haben für Dutzende zivilgesellschaftliche Gruppen an vorderster Front, enschließlich Syria Civil Defence - auch bekannt als Weißhelme - Spenden gesammelt und sie unterstützt.

Vorneweg: Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass russische Quellen alles Mögliche unternehmen, um die Weißhelme schlecht zu machen. Alles andere wäre verwunderlich.

Aber: Es widerspricht elementaren journalistischen Standards, in einem Bericht über Aktivitäten von Gegnern einer Organisation zu verschweigen und sogar noch aktiv zu vernebeln, dass die Quelle eng mit eben dieser Organisation verbunden ist. Auch die Thesen dieser hochgradig befangenen Partei plakativ wie objektive Fakten zu berichten, ist kein seriöser Journalismus, sondern reine Propaganda.

Auch Hintergrundinformation über die „Weißhelme“ hätte man sich in so einem Stück gewünscht. Die „Nichtregierungsorganisation“ wurde laut Wikipedia mit britischem Regierungsgeld von einem britischen Ex-Armeeoffizier gegründet und wird offenbar vor allem von Nato-Regierungen unterstützt. Einige der Bürgerkriegsgegner der Assad-Regierung werden oder wurden ebenfalls von Nato-Regierungen, insbesondere der US-Regierung, unterstützt.

Auch wenn die Weißhelme möglicherweise hervorragende Arbeit leisten, die ungerechtfertigter Weise von der Gegenseite diffamiert wird – ich beziehe hier keine Position -, sind das Informationen, die man als Leser haben müsste, um die Verlässlichkeit und einen möglichen Bias der Quelle abschätzen zu können.

Im Report werden die Weißhelme auf eine Weise beschrieben, die sie näher an PR für eine Bürgerkriegspartei rückt als einer unparteiischen Hilfsorganisation guttut (meine Übersetzung):

Die Weißhelme haben bei drei Gelegenheiten entscheidende Beweise an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen geliefert, außerdem an den US-Kongress und die Parlamente in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Niederlanden und Schweden. In Teilen von Syrien, die die meisten Medien nicht erreichen können, haben ihre Videos und Fotos von Luftschlägen mehr dazu beigetragen, die Realität des Konflikts und der humanitären Krise zu zeigen als jede andere Gruppe. Ihre Arbeit wurde in mehr als 78.000 Medienberichten gewürdigt, einschließlich der Titelseiten von New York Times, Guardian, BBC, Le Monde, Time und vielen anderen internationalen Medien. Weißhelme werden getötet, weil sie es wagen, außerhalb der Kontrolle des syrischen Regimes zu arbeiten und der Welt zu zeigen, was in Syrien passiert.

Im SPON-Stück werden sie so beschrieben:

(Eine) Zivilschutzgruppe, die in allen bombardierten Gebieten manchmal Lebende und zumeist Tote aus den Trümmern zog - politisch auf Seiten der Opposition, aber friedlich, ebenso wie die Lokalräte oder die Ärztekomitees. Ein Sammelbecken für jene, die ihr Leben einsetzen, aber selbst nicht zur Waffe greifen wollten.

Fazit: Das ist kein Journalismus. Deutschlands führendes Internetnachrichtenmedium betätigt sich hier als Propagandaorgan.

Hinweis: Der Autor des SPON-Stücks wurde per E-Mail um Stellungnahme gebeten, hat aber bisher, möglicherweise urlaubsbedingt, nicht reagiert. Sollte doch noch eine Stellungnahme eingehen, wird diese nachgereicht.

[22.12.2017]