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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

100 Mrd. Euro jährliche Geldwäsche in Deutschland: Musterbeispiel für erfolgreiche Manipulation mit bestellten Studien

Seit ein Rechtswissenschaftler auf Bestellung des Bundesfinanzministeriums 2015 freihändig den Betrag 100 Mrd. Euro als Schätzung für die jährliche Geldwäsche in Deutschland aufschrieb, wird diese Zahl wie eine Wahrheit herumgereicht und Deutschland als Paradies für Geldwäscher bezeichnet. Es ist ein Musterbeispiel für erfolgreiche Meinungsmanipulation.

Die Studie heißt „Dunkelfeldstudie über den Umfang der Geldwäsche in Deutschland und über die Geldwäscherisiken in einzelnen Wirtschaftssektoren, Abschlussbericht“. Erstellt hat sie Kai Bussmann im Auftrag des damaligen Bundesfinanzmisters Wolfgang Schäuble. Soweit ich feststellen kann, ist weiterhin nur die Kurzfassung veröffentlicht.

Anfang 2016 schwappte eine international koordinierte Anti-Bargeld-Kampagne nach Deutschland, die stark mit dem Argument Geldwäsche arbeitete. Erst sagte der Deutsche-Bank-Chef Cryan das Ende des Bargleds in 10 Jahren voraus, kurz darauf forderte die SPD-Fraktion im Bundestag ein Ende des 500-Euro-Scheins und eine Obergrenze für Barzahlungen und wieder kurz darauf forderte Schäuble unter Verweis auf besagte Studie die EU-Kommission auf, eine europaweite Bargeldobergrenze zu prüfen.

Wie kam der Autor auf die 100 Mrd. Euro?

Schritt 1: Er ermittelte ein Volumen von tatsächlichen und unterbliebenen Geldwäsche-Verdachtsfällen von ca. 20 Mrd. Euro außerhalb des Finanzsektors.

Schritt 2: Er nahm implizit an, dass jeder Fall, der die Verdachtskriterien erfüllt, auch tatsächlich ein Fall von Geldwäsche ist, nicht nur etwa jeder zweite oder dritte, wie angemessen wäre.

Schritt 3: Er verdoppelte den Wert um den Finanzsektor einzubeziehen.

Schritt 4: Er schrieb, dieses Ergebnis sei zu niedrig, es seien wohl eher 100 Mrd. Euro oder mehr, wie es eine EU-Studie herausgefunden habe (Was nicht stimmt).

Schritte 3 und 4 sind freihändige Setzungen des Autors. Die Begründung für Schritt 4 ist darüber hinaus auch noch falsch und täuschend, weil in der ECOLEF-Studie der EU ausdrücklich und gefettet steht, dass die dort ermittelten 108 Mrd. Euro nur geschätztes Schwarzgeld in Europa sind, das möglicherweise in Deutschland gewaschen werden könnte, wenn es keine Hindernisse und keine besseren Waschplätze gäbe. Es handelt sich also nicht um die Schätzung eines Geldwäschevolumens, sondern eines maximalen Geldwäschepotentials.

Die Hauptschlussfolgerungen des Autors Bussmann bestanden aus der Forderung nach einer Barzahlungsobergrenze und weiteren Maßnahmen gegen die Nutzung von Bargeld.

 Ausführlicher habe ich die Studie bereits im Mai 2016 auseinandergenommen:

In Deutschland werden keine 100 Mrd. Euro Schwarzgeld gewaschen

Dasselbe hat der führende Schattenwirtschaftsexperte Friedrich Schneider in einer Studie getan, die im September 2016 vom Friedrich Naumann Institut veröffentlicht wurde:

Der Umfang der Geldwäsche in Deutschland und weltweit

Zu nützen scheint das wenig: In der letzten Ausgabe von Die Zeit wurde der Wirtschaftsteil mit einem Beitrag aufgemacht, der den Titel „100.000.000.000 Euro“ trug, in der Online-Version den Titel „Deutschland ist ein Geldwäscheparadies“. Die Zahl 100 Mrd. Euro wurde ausdrücklich von der im Hinblick auf diesen Betrag manipulativen Studie von Bussmann bezogen. Auch die Schlussfolgerung von Bussmann wurde im Zeit-Artikel übernommen. Bargeld ist angeblich das Hauptproblem.

Das Problem ist also nicht, dass Wolfgang Schäuble die Geldwäschebekämpfung damals im Hauruck und gegen Proteste mit viel zu wenig Personal dem Zoll übertragen hat, sodass sich die Verdachtsmeldungen der Meldepflichtigen zu Zigtausenden unbearbeitet ansammeln. Nein, das Problem ist das Bargeld.

[18.11.2019]