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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Wie man Klimaaktivisten als Charakterschweine entlarvt – Mit Nachtrag zu 83 Topwissenschafltern gegen Katastrophismus

Klimaaktivisten, die uns das Fliegen und Autofahren verleiden und uns ein schlechtes Gewissen machen wollen, argumentieren moralisch. Will man sie kontern, muss man auf der gleichen Ebene argumentieren und ihre moralische Integrität angreifen, ihnen einen schlechten Charakter nachweisen. Zum Glück geht das einfach und funktioniert eigentlich immer. Am Beispiel Fliegen und CO2 lässt sich das schön demonstrieren. Die Argumente sind nicht von mir, ich habe sie nur gesammelt und etwas aufbereitet, um den Bauplan transparent zu machen.

Das wichtigste ist natürlich, den Gegner in seinem heimatlichen linksgrün-versifften Milieu zu diskreditieren. Das geht am Besten so:

Heuchler

Nehmen wir an, wir haben über die Medien oder durch Ausforschung ihrer Social-Media-Posts erfahren, dass eine Klimabesorgte, die fordert, etwas gegen das viele Fliegen zu tun, selbst häufiger das Flugzeug nutzt. Bingo. Dann kann man sie als Heuchlerin entlarven und sie als moralisch verkommen angreifen. Wehren kann sie sich dagegen nicht, weil sie dafür die Ebene wechseln müsste, weg von der moralischen, hin zur Frage was geschehen müsste, um den CO2-Ausstoß in relevanter Größenordnung zu verringern. Das wäre natürlich nicht freiwilliger Verzicht Einzelner, sondern eine Änderung der Rahmenbediungen und Regeln für alle. Auch die Tatsache, dass sie mit der Verteuerung ihres eigenen Hobbies eigene Interessen für das allegemeine Wohl zurückstellt, wird ihr als Antwort auf den Heucheleivorwourf kaum helfen.

 Egoistische Drückeberger

Was aber, wenn die Person nicht oder sehr selten fliegt?

Auch kein Problem. Dann können wir sie mit Fug und Recht als egoistische Neiderin bezeichnen, die zur Klimarettung ausgerechnet das verbieten oder teuer machen will, was sie selbst nicht nutzt. Wie fies ist das denn?, dürfen wir fragen.

 Man kann sich gegen solche Menschen auch zunutze machen, dass praktisch jede menschliche Aktivität direkt oder indirekt mit CO2-Ausstoß verbunden ist. So kann man auch diejenigen, die nicht fliegen, aber zum Beispiel das Internet nutzen, oder Segelyachten zum Transport, als ebensolche Heuchler darstellen, wie diejenigen, die fliegen.

Das lässt sich noch erweitern, indem man den Klimakativisten alles anrechnet, was Leute in ihrem Umfeld an CO2 produzieren. So wie kürzlich die "Süddeutsche Zeitung"  über eine Pressekonferenz von Greta Thunberg vermerkte, dass zu dieser Konferenz einige Jounalisten zur Anreise das Flugzeug benutzt hätten.

Noch mehr erweitern kann man die Methode, indem man den Klimaaktivisten das Handeln aller ankreidet, die sie nicht ausdrücklich mit den schädlichen Wirkungen ihres Handelns konfrontiert haben. Wie etwa ein Bericht über die Schließung der Kohlereviere in der Lausitz dessen Autorin meinte, dass Greta Thunberg eigentlich in das Revier fahren müsste, um den Arbeitern die Notwendigkeit der Schließung begreiflich zu machen. (Letzte zwei Absätze 14:15 Uhr ergänzt)

 Antisozial

Unabhängig von der Person kann man die Forderung nach drastischer Verteuerung des Fliegens als unsoziale Maßnahme gegen Leute mit wenig Geld darstellen. Das fällt dann charakterlich auf die zurück, die so etwas fordern, vor allem, wenn sie Geld haben. Man beschreibe zum Beispiel die Friseuse oder den hart arbeitenden Einzelhandelskaufmann, die sich bisher gerade mal eine wohlverdiente Erholung auf Mallorca pro Jahr leisten können. Das können sie sich nicht mehr leisten, wenn das Fliegen drastisch teurer wird. Wenn man das mitfühlend und empört vorbringt, fällt den Empfängern der moralischen Botschaft sicher nicht auf, dass die Häufigkeit des Fliegens sehr stark überproportional mit dem Einkommen zunimmt, dass es also vor allem die reicheren Viel- und Weitflieger sind, die draufzahlen.

 Nützliche Idioten

Um das klimaskeptische rechte Lager mit Argumenten zu versorgen und die Empörung gegen die Klimaaktivisten anzustacheln, kann man diese als fünfte Kolonne böser Mächte enttarnen. Hier muss man nicht so subtil vorgehen, wie bei Argumenten für das linksgrüne Milieu, denn das rechte Milieu glaubt, was gegen linke Aktivisten vorgebracht wird, auch ohne konkrete Indizien oder gar Belege.

Man werfe den Aktivisten also vor, dass sie sich bereitwillig vor den Karren einer Panik schürenden Klimamafia spannen lassen, die damit auf nicht näher genannte Weise Gewinn machen will. Auch die Regierungen, die sich durch Inkompetenz und Schlendrian an den Rand des Bankrotts gebracht haben, eigenen sich als böse Macht hinter den Klimaaktivisten, denn sie sind unbeliebt in der Szene. Da muss man nicht näher ausführen, wo ihr Vorteil liegt, wenn sie Fridays for Future unterstützen.

 Das rechte Maß wahren

Man sollte es aber auch nicht übertreiben, halbwegs beim Thema bleiben und nicht alle Argumente mischen. So könnte man etwa den Tweet vom AfD-Bundestagsabgeordneten Jens Maier zum Weltkatzentag am 8. August als selbst für das rechte Milieu einen kleinen Tick zu dick aufgetragen einstufen:

 Werden in Zukunft irre und wirre #Greta-Jünger, aufgestachelt von profitorientierten Klimaschwindlern, durch die Straßen ziehen und gezielt Haustiere töten? Der Weg in die #Klimadiktatur ist bereits geebnet. Wehrt Euch, solange es noch möglich ist. Es gibt nur eine #Alternative!

Nachtrag zum Klimakatastrophismus (16:35 Uhr):

Von einem Leser bekam ich einen Beitrag zugesandt mit dem Titel: "83 italienische Top-Wissenschaftler widersprechen der gängigen Klimatheorie". Der Zusender will prüfen, ob ich "nur Polemik kann", wie die übrigen Medien, die die Wahrheit unterdrücken, oder mich mit dem Beitrag auseinandersetzen würde. Ich will das gern tun. Zunächst will ich freimütig einräumen, dass es auch mich stört, dass die wissenschaftliche Debatte so einseitig geführt wird, dass Wissenschaftler und ihre Anhänger, die eine Gegenmeinung zum Mainstream vertreten, diese kaum noch vorbringen können, ohne angegriffen und als Klimaleugner und ähnliches diskreditiert zu werden. Das dient nicht der wissenschaftlichen Wahrheitsfindung. Das vorausgeschickt, gibt es einiges, was mich an dem Beitrag misstrauisch macht. Dass kaum alle 83 Unterzeichner "Top"-Wissenschaftler sein werden, gehört dazu. Es gab ja auch die 100 deutschen Lungenärzte, die eine Petition gegen Stickoxidgrenzewerte unterzeichneten, deren Verfasser sich einfach verrechnet hatten.

Die Wissenschaftler schreiben vorne, ihnen gehe es darum, "die Verschmutzung dort zu bekämpfen, wo sie auftritt". Tatsächlich ist davon aber im ganzen Beitrag nicht die Rede und das Resümé am Ende heißt nur, man solle das unbegründete Ziel, der Senkung des menschengemachten CO2-Ausstoßes aufgeben. Dabei wird eingeräumt, dass Kohlendioxid ein Klimagas ist, wenn auch seine Wirkungsstärke ungewiss sei. Wenn man nun akzeptiert, dass die starke Erderwärmung ein großes Problem ist (die Wissenschaftler tun zumindest nicht ausdrücklich das Gegenteil), dann spricht für mich nicht allzu viel dagegen, den menschlichen Beitrag zur zusätzlichen Erwärmung möglichst klein zu halten.

Dann ist die Rede von 60-Jahreszyklen, mit 30 Jahren Erwärmung und 30 Jahren Abkühlung bei den ersten beiden Zyklen. Beim aktuellsten Zyklus ab 1970 wird die Erwärmung bis 2000 konstatiert, danach wird so getan, als ob eine weitere Erwärmung zu erwarten gewesen wäre. Das scheint widersprüchlich. Es kann aber ein Übersetzungsproblem sein.

 Mir will auch die ganze Motivation nicht so recht einleuchten. Es ist ja nicht so, dass der "Alarmismus" bereits zu sehr drastischen und sehr teueren Maßnahmen geführt hätte, die den CO2-Ausstoß massiv reduzieren. Das Gegenteil ist der Fall. Von daher erscheint mir das Risiko überschaubar, dass sich die Ungewissheit über den menschlichen Anteil am Klimawandel dahingehend auflöst, dass er gering ist, und wir bis dahin unnötigerweise sehr viel getan haben, den CO2-Austoß zu senken. Schlimmer und eher wahrscheinlich scheint mir die Gegenvariante, dass unser Anteil sich doch als groß herausstellt und und wir nicht rechtzeitig genug getan haben, das Klima zu schützen. Welchen der beiden Fehler würden uns unsere Enkelinnen wohl eher verzeihen?

[18.08.2019]