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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Wie Wikipedia die globale Kampagne gegen das Bargeld wegblendet

Der Journalist Matthias Holland-Lenz berichtet im Mitgliedermagazin des Journalistenverbandes DJV, „journalist“ (Mai 2019), wie er versucht hat, im Online-Lexikon Wikipedia den Eintrag zur Better Than Cash Alliance zu komplettieren. Seine Erfahrungen sind lehrreich. Interessant ist auch wer aus der globalen Anti-Bargeld-Kampagne gar keinen Wikipedia-Eintrag hat.

Holland-Lenz betätigte sich zum Zwecke der Recherche über Wikipedia als Wikipedia-Autor. Die Beiträge auf dem extrem einflussreichen Online-Lexikon werden von ehrenamtlichen Freiwilligen erstellt. Eine intransparente Hierarchie von ebenfalls ehrenamtlichen Administratoren, die unter Pseudonym arbeiten, wacht über die Einhaltung der Wikipedia-Standards, und über alles, worüber sie sonst noch wachen wollen. Wie es bei einem solch einflussreichen und intransparenten Medium gar nicht anders sein kann, wurde auch bei dieser Recherche offenkundig, dass neben wohlmeinenden Freiwilligen auch Vertreter mächtiger Institutionen auf Wikpedia zu Gange sind, um politisch und kommerziell sensible Einträge zu ihren Gunsten zu beeinflussen.

Politisch sensible Themen haben es schwer

Holland-Lenz beginnt im Januar mit einem Beitrag zu „US-Chemiewaffen in Panama“. Es geht um Tests in den 1960er Jahren mit gesundheitlichen Folgen bis heute. Umgehend schlug jemand Löschung vor, mit der Begründung, es handle sich um eine Nachricht, nicht um einen enzyklopädischen Artikel von dauerhaftem Wert. Er wurde und blieb gelöscht, nur Teile davon wurden gut versteckt in einen Beitrag über eine panamaische Insel verfrachtet.

Als zweites wendet er sich am 31. Januar einem sehr sparsamen Artikel über die Better Than Cash Alliance zu und ergänzt diesen mit Informationen vom Web-Auftritt der Allianz über deren Ziele und mit einem Hinweis auf mein Buch „Schönes neues Geld“, in dem die weithin kaum bekannte Allianz kritisch beleuchtet wird. Seine Ergänzungen werden noch am selben Tag von einem Nutzer mit dem Pseudonym „Tohma“ gestrichen. In der Versionsgeschichte des Artikels kann man sehen, dass Tohma sich schon in den Monaten zuvor gelegentlich darum gekümmert hat, dass der Eintrag schön dürr und nichtssagend bleibt.

Am 1. Februar fügt ein nicht angemeldeter Nutzer (59.6.22.92) den Absatz "Kritik" mit Verweis auf mein Buch wieder ein. Ein Administrator namens „Werner von Basil“ entfernt ihn sofort wieder und sperrt den Eintrag zur Better Than Cash Alliance wegen „Vandalismus“ für die Bearbeitung durch normale Autoren.

Was Holland-Lenz in seinem Beitrag nicht mehr erwähnen kann, weil es zu spät passierte: Knapp drei Monate später, am 27. April 2019 fügt „Tennis Opa“ den kritischen Absatz unter der unverfänglicheren Überschrift „Rezeption“ wieder ein. Aktuell ist er weiterhin drin.

Große Leerstellen in Sachen Anti-Bargeld-Allianzen

Auffällig ist nicht nur wie dürr der Eintrag zur Better Than Cash Alliance absichtsvoll gehalten wird. (Der englische Beitrag ist sogar noch dürrer.) Zu anderen wichtigen Playern in der globalen Kampagne gegen das Bargeld gibt es gar keinen Eintrag. Dazu gehören die Global Partnership for Financial Inclusion der G20, und die Consultative Group to Assist the Poor (CGAP). Das sind hochkarätige, einflussreiche Gruppen, die einen Eintrag allemal verdient hätten. Infos zur Alliance for Financial Inclusion  gibt es nur in Englisch. Der Eintrag ist sehr ausführlich und sehr werblich geschrieben - ein scharfer Kontrast dazu, wie jegliche sachliche Erläuterungen zu den Zielen der Better Than Cash Alliance aus dem Artikel zu dieser Allianz herausgehalten werden.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Mal sehen, was sich machen lässt.

 Videoempfehlung in Sachen Wikipedia (Markus Fiedler, Dirk Pohlmann) 14 min. https://www.youtube.com/watch?v=xlgGx9LM5cM