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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Tagesschau betreibt Desinformation, um Außenminister Maas und den USA beim Sturz von Maduro zu helfen und der DJV-Vorsitzende reitet weiter gegen Russland

Die Tagesschau vom 4.2. berichtete, dass Deutschland und 12 weitere EU-Länder den "selbsterklärten Übergangspräsidenten“ Guaido anerkannt hätten. In keinem der Beiträge des zweiminütigen Blocks (Min. 7-9) wird erwähnt, dass das eine Minderheit der EU-Länder ist und dass die EU sich nicht auf eine gemeinsame Haltung einigen konnte, unter anderem weil Italien den USA in dieser Frage die Gefolgschaft verweigert. Stattdessen wird die EU-Außenbeauftragte mit einem in dieser Kürze und Auswahl krass irreführenden Filmausschnitt gezeigt.

 In dem Ausschnitt sagt die Außenbeauftragte, die EU ziehe in Sachen Venezuela an einem Strang. Das bezog sich aber nur auf Sanktionen und Dialogangebote und ist alt - und das Gegenteil der aktuellen Sachlage in Sachen Anerkennung von Guaido. Das alles macht den Eindruck, als wolle die ARD die Vorwürfe, man betreibe Regierungsrundfunk, mit aller Gewalt befördern.

Wie lautet noch der Claim der Tagesschau: "Seriös und auf den Punkt". Fragt sich nur auf welchen oder wessen Punkt.

Damit es nicht immer nur gegen die arme Tagesschau geht, sei daran erinnert, wie es das Heute Journal erst vor wenigen Tagen schaffte, durch gekonnte Formulierung und Auslassung wichtiger Zahlen den Eindruck zu erwecken, dass die verminderten Rettungsschiffseinsätze im Mittelmehr zu deutlich mehr Todesfällen durch Ertrinken geführt hätten, obwohl deren Anzahl in Wahrheit stark zurückgegangen ist.

Dazu passt, dass der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands (DJV), Frank Überall, sich heute nochmals von einem Pressesprecher des Verbands dafür rechtfertigen ließ, dass er es für seine Aufgabe hält, dafür zu sorgen, dass bestimmte Medien, die er nicht mag, keine Rundfunklizenz bekommen, und dass er dabei auch nicht davor zurückschreckt, wissentlich eine verleumderische Falschbehauptung zu wiederholen, für die er sich bereits einmal entschuldigt hat.

Der gleiche Journalistenverbandsvorsitzende hat ein Gerichtsurteil als "Farce" bezeichnet, das von der Bundeskanzlerin verlangt, offenzulegen, mit welchen Journalisten und wann sie in vertraulichen Chefredakteursrunden exklusive Informationen gegen freundliche Berichterstattung und Kommentierung eintauscht. Solche Kungelrunden mit den Mächtigen fallen seiner Ansicht nach unter das Redaktionsgeheimnis.

Man könnte am deutschen Journalismus verzweifeln, aber man kann auch das Gute sehen. Immerhin bekommt Überall für seine Entgleisungen so viel Gegenwind aus seinem Verband und vermutlich so viele Austritte, dass er sich genötigt sah, sich ein weiteres Mal zu rechtfertigen. Das gibt doch ein kleines bisschen Hoffnung, dass die deutschen Journalisten das Ehrgefühl haben, diesen Anti-Journalisten im November nicht ein weiteres Mal an ihre Spitze zu wählen.

"Russland: Warum der DJV nicht schweigen kann - Müssen sich der DJV und sein Vorsitzender Frank Überall unbedingt mit Russland streiten? Ist das wirklich Aufgabe eines Journalisten-Verbands oder greifen hier russophobe Reflexe? Eine Klarstellung."

So ist die Mitteilung der DJV-Pressestelle überschrieben. Dort heißt es, viel Kritik habe es gegeben, seit der DJV und Überall sich gegen eine Rundfunklizenz für RT Deutsch positioniert hätten. Die Frage sei vielfach gestellt worden: "Muss man wegen der russischen Auslandsmedien so ein Fass aufmachen obwohl die Berichterstattung deutscher Medien doch oft selbst kritikwürdig ist?"

Und dann schreibt der DJV allen Ernstes:

"Der Verweis auf Fehler oder interessengeleitete Darstellungen in deutschen Medien geht aber am Kern der Sache vorbei. Der Unterschied ist: Sie haben keine versteckte Agenda..."

Man könnte sich noch herausreden, dass es keine "versteckte" Agenda ist, die die Tagesschau dazu treibt eine Nachricht wie die obige so regierungsnah verzerrt darzustellen, sondern eine recht offene. Aber die Agenda von RT Deutsch ist nicht minder offen.

Hier kann der Unterschied kaum liegen. Also muss er in dem liegen, wie es weitergeht:

"...versuchen keine Stimmungen anzuheizen und grundsätzliche Zweifel an unserem Gesellschaftssystem zu nähren, nur um dieses zu schwächen."

Zweifel an unserem Gesellschaftssystem zu nähren, das ist es nach Ansicht des DJV und seines Vorsitzenden, womit Sender wie RT Deutsch "die Pressefreiheit missbrauchen und pervertieren". Pressefreiheit gibt es also nur lange und soweit, wie das gegenwärtige Gesellschaftssystem nicht oder allenfalls in Randaspekten kritisiert wird.

Man fragt sich ernsthaft, ob die Deutsche Welle nun dazu übergehen sollte, das autoritäre russische Gesellschaftsmodell zu stützen, statt es kritisch zu hinterfragen, um seine Rundfunklizenz in Russland zu behalten. Oder traut Herr Überall der russischen Führung in dieser Hinsicht mehr Liberalität und Respekt vor Pressefreiheit zu, als er selbst aufbringen kann?

Änderungshinweis: Letzter Absatz am 5.2. eingefügt.

[4.2.2019]