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Norbert Häring ist seit 1997 Wirtschaftsjournalist. Vorher arbeitete der promovierte Volkswirt einige Jahre für eine große deutsche Bank. Er engagiert sich in der World Economics Association für eine weniger einseitige und dogmatische Ökonomik. Er ist Träger des Publizistik-Preises der Keynes-Gesellschaft und des Deutschen Wirtschaftsbuchpreises von getAbstract (Ökonomie 2.0).

Lebenslauf

Flucht aus der Target-Falle

Auf Makroskop hat Joachim Nanninga unter dem Titel „Norbert Häring in der Target-Falle“ nach einer wohlwollenden Vorrede meinen Beitrag „Ökonomen in derTarget-Falle“ zerpflückt. Weil der Target-Saldo der Bundesbank von fast einer Billion Euro und die Diskussion darum nicht so schnell weggehen werden, und weil die Verwirrung groß ist, hier meine Antwort. Möge sie dazu beitragen, die Verwirrung etwas abzubauen.

Lieber Herr Nanninga,

Sie schreiben, ich würfe in meinem Beitrag alles Mögliche bunt durcheinander und verzapfe Unsinn. Nach Studium Ihres Beitrags und nochmaligem Lesen meines Beitrags kann ich dem nicht folgen.

Zunächst erklären Sie auf andere, vermeintlich bessere Weise als ich, was passiert, wen ein deutscher Lieferant Waren nach Italien verkauft: „Der deutsche Lieferant benötige nun die Liquidität, um eigene Rechnungen zu bezahlen, und tritt dazu seine Forderung gegenüber dem italienischen Käufer an seine Hausbank ab, die ihm im Austausch den Rechnungsbetrag auf seinem Girokonto gutschreibt.“

Was Sie hier beschreiben ist nicht der normale Zahlungsverkehr über Banken, sondern Factoring oder Forfaitierung, bei der der Lieferant seine Forderung verkauft, in diesem Fall an die Hausbank. Das ist normalerweise das Geschäft von Factoring-Unternehmen. Im Überweisungsverkehr läuft das dagegen so ab, wie ich es beschrieb. Das italienische Unternehmen beauftragt seine Bank, dem Lieferanten Geld zu überweisen. Dazu muss entweder von der italienischen Bank über die Bank von Italien, die EZB und die Deutsche Bundesbank an die deutsche Bank Zentralbankgeld überwiesen werden. Das führt zu den Target-Buchungen als Gegenposten. Oder aber, die deutsche Bank vertraut der italienischen und gibt ihr einen Interbankenkredit, verzichtet also erst einmal gegen Zins auf Übetragung eines Zentralbankguthabens.

Ich bin ziemlich sicher, es ist für das Verständnis nicht hilfreich, von Factoring auszugehen, um Phänomene zu verstehen, die im Überweisungsverkehr auftreten. Aber kommen wir zu Ihrer konkreten Kritik an meinen Aussagen.

Ich schrieb:

„Um die Schuldenkrise zu entschärfen, wurden diese Forderungen von Forderungen privater deutscher Adressen an bankrottgefährdete private und staatliche ausländische Adressen transformiert in Target-Forderungen der Bundesbank an die EZB. (…)„Solange es noch keine Schuldenkrise gab, bekamen die Defizitländer von privaten Banken Kredit, und es tat sich nichts beim Target-Saldo. Als die Schuldenkrise ausbrach, kam es zur Kapitalflucht und die Forderungen mussten von der Bundesbank übernommen werden.“

Sie monieren: „Hätte die Bundesbank die Forderungen inländischer Adressen gegenüber ausländischen tatsächlich auf die eigene Bilanz genommen, wäre sie selbst Kreditgeber gegenüber Privaten. Häring spricht aber hier bei den Target-Salden von Forderungen der Bundesbank gegen die EZB.“

Sehen sie mir bitte nach, dass ich nicht jedes Mal die ganze Kreditkette aufgeschrieben habe. Die Transformation ist schon da. Nehmen wir eine deutsche Bank, die italienische Staatsanleihen hielt und diese im Zuge der Euro-Krise an eine italienische Bank verkaufte. Die italienische Bank musste ihr den Gegenwert als Zentralbankgeld zukommen lassen, weil sie keinen Interbankenkredit mehr bekam. Das geschieht, indem sie die Bank von Italien anweist, über das Target-System die Bundesbank anzuweisen der deutschen Bank ein entsprechendes Guthaben einzurichten. Als Gegenbuchungen bekommt die Bank von Italien eine Target-Verbindlichkeit gegenüber der EZB eingetragen und die Bundesbank eine Target-Forderung an die EZB. Aus der grenzüberschreitenden Forderung der deutschen Bank gegenüber dem italienischen Staat ist eine innerdeutsche Forderung der Bank an die Bundesbank geworden. Den internationalen Teil hat die Bundesbank (gemeinsam mit der EZB) übernommen, in Form einer Target-Forderung an die EZB (und einer gleich hohen Forderung der EZB an die Bank von Italien).

Dabei wurde die Bundesbank nicht, wie sie mir als Behauptung unterstellen, Kreditgeber gegenüber Privaten in Italien, sondern sie hält eine Forderung gegenüber der EZB. Es ist die Bank von Italien, die am Ende dieser Kette Kreditgeberin einer italienischen Bank ist.

Sie sind auch nicht einverstanden mit dem Satz:

„Sinn argumentiert, dass Target-Forderungen nicht fällig gestellt werden können und lässt deshalb den Nominalwert unberücksichtigt. Das ist aber nur bedingt richtig. Mit jedem Überweisungsauftrag der Bundesbank an die Bank von Italien oder die Bank von Spanien wird das deutsche Target-Guthaben kleiner, also teilweise fällig gestellt.“

Sie kritisieren daran: „Häring erweckt wie Sinn den Anschein, als ob die Bundesbank mit ihrer TARGET-Position in der Bilanz ein Netto-Geldvermögen besäße, das sicherheitshalber in irgendwelche Sachwerte eingetauscht werden sollte, zum Beispiel italienische Immobilien. (..) Hier klingt es wieder so, als verfügte die Bundesbank über ein Netto-Geldvermögen“

Zunächst zur Klarstellung. Ich schlage nicht vor, Target-Forderungen in Sachwerte einzutauschen. Ich versuche nur den Charakter der Target-Forderungen zu erklären und beschreibe daher, was man damit machen kann (womit ich unter anderem Sinn widerspreche). Ob man es tun sollte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Darüber kann man erst sinnvoll diskutieren, wenn die Diskutanten sich halbwegs einig sind, worüber sie eigentlich reden.

Und, nein, ich schreibe nicht, und erwecke auch nicht den Eindruck, die Bundesbank habe durch den Target-Saldo ein positives Netto-GELDvermögen. Ich erkläre, dass dem Target-Saldo eine gleich hohe Forderung deutscher Banken gegen die Bundesbank gegenübersteht. Sein Netto-AUSLANDSvermögen kann man aber durchaus reduzieren, wenn man im Ausland einkauft.

Weiterhin werfen Sie mir vor, dass ich zu Unrecht der Bundesbank die Schweizerische Nationalbank „als leuchtendes Beispiel“ vorhielte, wenn ich schreibe:

„Zu den Notenbanken, die in sehr großem Umfang ausländische Aktien und andere Wertpapiere gekauft haben, gehört die Schweizerische Nationalbank.“

Nochmal. Nichts daran ist normativ gemeint und es ist auch nicht so formuliert. Ich schreibe lediglich das es geht, und führe die Schweizer Notenbank als Beispiel an, dass es auch von einer wichtigen Notenbank praktiziert wird. Sie werfen mir zu Unrecht vor, dass ich den gänzlich anderen Zusammenhang unterschlage. Denn dieser Zusammenhang ist unwichtig, weil es mir nur darum geht, den erwartbaren Einwand zu entkräften, dass eine Notenbank so etwas grundsätzlich nicht macht oder nicht machen darf.

Ihre Kritik geht weiter mit:  "Nachdem er die deutsche Staatsverschuldung mit der Folge vermehrter Einkäufe im Ausland als Medizin gegen Target-Wachstum vorgeschlagen hat, begeht Häring einen bemerkenswerten Denkfehler:

„Die Staatsschuld würde entsprechend steigen. Dafür würde die Bundesbank im Zuge der Geldüberweisungen ins Ausland Guthaben von deutschen Geschäftsbanken, also eigene Verbindlichkeiten, aus ihrer Bilanz streichen. Das würde die kombinierte Verschuldung von Staat und Bundesbank nicht erhöhen. Deutschland als Ganzes bekäme die ausländischen Güter und Leistungen letztlich im Tausch gegen die Streichung von Target-Forderungen. Die gemessene Staatsverschuldung würde allerdings steigen, weil die Bundesbank aufgrund einer Konvention dabei nicht als Teil des Staates behandelt wird.“

Daran sei falsch:"Häring unterstellt hier, dass – wenn man nur wollte – ein Absinken der Target-Forderungen der Bundesbank gegenüber der EZB mit deutschen Staatsschulden saldiert werden könnten, mit der Folge, dass sich das staatliche deutsche Netto-Geldvermögen insgesamt (Staat und Bundesbank) dadurch nicht verändern würde. Das wäre in der Tat wundersame Zauberei."

Nein, Herr Nanninga. Das mit dem Geldvermögenssaldo ist ihre Marotte, nicht meine. Ich gehe von den Regeln zur Feststellung von Staatsverschuldung und Staatsdefizit aus. Und diese basieren eben – unsinnigerweise – nicht auf einer Vermögensbilanz. Zusätzliche Forderungen werden nicht mit zusätzlichem Vermögen saldiert, sondern es werden nur die Verbindlichkeiten des Staates aufsummiert. Es ist auch nicht die Abnahme der Target-Forderungen der Bundesbank, die man den zunehmenden deutschen Staatsschulden gegenrechnen könnte, wenn die Bundesbank zum Staatssektor gezählt würde, sondern es sind die abnehmenden Verbindlichkeiten der Bundesbank gegenüber den deutschen Banken.

Zum Abschluss fragen Sie rhetorisch: „Was wäre gewonnen, wenn die Bundesbank, wie Häring vorschlägt, anstelle von Target-Forderungen italienische und spanische Staatspapiere besäße?", und antworten: "Eine Target-Forderung ist letztlich eine Forderung gegen alle am Euro-System beteiligte Staaten. Wäre die Forderung gegen einen Einzelstaat ein Vorteil? Wohl kaum.“

Hier argumentieren Sie übermäßig salopp. Zunächst nochmal: Ich erörtere die Möglichkeit, ich schlage nicht vor. Dann zu Ihrem Fehler: Eine Target-Forderung an die EZB ist eine Forderung an die EZB. Wenn die EZB aufgelöst wird, ist die Forderung ziemlich sicher weg. Sie geht nicht "letztlich" in eine Forderung an alle am Euro-System beteiligte Staaten über. Das ist Wunschdenken. Italienische Staatspapiere oder Aktien wären nach Ende der Währungsunion sicherlich in Euro oder neuer D-Mark deutlich weniger wert, aber wahrscheinlich bei weitem nicht wertlos wie Target-Forderungen an die aufgelöste EZB.

Wie sie richtig erkennen, ist meine präferierte Lösung für die Target-Problematik eine ganz andere. Wenn man die Bedingungen dafür schüfe, dass die Löhne in Deutschland stärker steigen und der Staat sich nicht selbst kaputtsparen muss, würde das Problem, und mit ihm die Krise des Euroraums, mit der Zeit deutlich kleiner. Darauf können wir uns wahrscheinlich schnell einigen. Ich denke aber, es ist hilfreich für das Verständnis, wenn man sich von Feindbildern löst und nicht mit der Prämisse an eine Frage herangeht, dass das genaue Gegenteil dessen,was Hans-Werner Sinn dazu sagt, richtig sein muss. Er macht Fehler, vor allem, wenn er ein gänzlich neues Feld im Alleingang aufrollt, wie er das bei Target gemacht hat. Ich teile seine wirtschaftspolitischen Ansichten ganz und gar nicht. Aber mit dem Anti-Sinn-Impetus, den ich bei Ihnen wahrzunehmen glaube, kommt man nicht weit. Er war übrigens ähnlich wenig begeistert von meiner Analyse wie Sie.

[28.9.2018]

P.S. Joachim Nanninga hat am 2.10. auf Makroskop ausführlich geantwortet. Ich will ihm das letzte Wort lassen, da ich viele Wiederholungen fürchte, wenn ich erwidern würde. Einig werden wir uns wohl nicht.